Freitag, 29. April 2016

KW 16 #unerhörterkinderkram

"Sie sind zu früh wieder arbeiten gegangen." Wie ein Monolith stand der Satz im Raum. Ungläubig starrte ich ihn an, unfähig, seinen tieferen Sinn zu erfassen. Als ich es mir endlich gelang, setzte ein kleines Beben ein. Wäre es irgendwer gewesen, die diesen Satz gesagt hätte, er wäre an mir abgeprallt – ich war mir doch so sicher, dass ich (k)eine gute Mutter bin. Aber es war nicht irgendwer, sondern eine Frau, auf deren Meinung ich was gebe und die lautete in diesem Fall: Die frühe Krippenbetreuung ist für Kleinkinder Stress und birgt Risiken für ihre Entwicklung.

Nachdem ich die ersten Abwehrreflexe überwunden hatte und mich erst zag-, dann ernsthaft auf diese These einlassen konnte, muss ich sagen: Ja, das macht durchaus Sinn. Nur: Was jetzt?

Für viele Eltern ist es kaum möglich, für Alleinerziehende überhaupt nicht, dass eine/r von beiden oder beide im Wechsel zwei oder drei Jahre beim Kind zuhause bleibt, was aus entwicklungspsychologischer Sicht das Beste wäre. Auch will oder vermag es nicht jede/r.

Als progressiv denkender Mensch halte ich "Rückwärtsrollen" für Unsinn. "Kopfstände" bringen uns weiter. Wenn wir den bisher unerhörten Kindern eine Stimme im öffentlichen Betreuungsdiskurs geben,  könnte das – richtig angepackt – einen ordentlichen Innovationsschub geben und ganz neue Betreuungsmodelle hervorbringen. Also wer hat Lust, mit den Kindern durch die Decke zu denken?

Ich bin gespannt und wünsche allen – mit der obligatorischen Liste – ein wunderbares Wochenende!

Mittwoch, 27. April 2016

Design made in GDR: Herr Ehrlich und das Funkhaus


Der von Ehrlich für die Deutschen Werkstätten Hellerau entworfene Tisch aus der Möbelserie 602 | Quelle

Es passt nicht ganz in die Kategorie "Design", aber es ist "made in GDR": das Funkhaus Nalepastraße, das ich kürzlich besuchte (und dabei zufällig auch ein UFO entdeckte). Ein imposantes Gebäudeensemble liegt da jwd* direkt an der Spree und spricht akzentfrei Bauhaus. Das ist ungewöhnlich ist, bedenkt man, dass es mitten im Formalismusstreit (1951 bis 1956) erbaut wurde. Ungewöhnlich  – und weltbekannt – ist auch seine Akustik.

Diverse Musikgrößen und -labels nutzten das Studiogebäude ob seiner herausragenden Klangqualität, der optimalen Nachhallzeit und seiner Ausstattung. Darunter A-ha und Sting, Universal, BMG und Sony, das Deutsche Filmorchester Babelsberg,  Kent Nagano und Daniel Barenboim, der es als "eines der besten Aufnahmestudios weltweitbezeichnet. Hinter dieser ingenieurtechnischen Meisterleistung stand, neben dem Chefingenieur Gerhard Probst, dem Akustiker Lothar Keibs und der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Gisela Herzog, der Architekt und Möbeldesigner Franz Ehrlich (*1907; † 1984).

Ehrlich ist eine schillernde Gestalt. Er war Buchenwald-Inhaftierter und KZ-Angestellter, verkanntes Genie, Hochstapler und Spitzel, eigensinnig und egoistisch. In der DDR war er wegen seines "formalistischen Stils" ebenso geschmäht wie als Devisenbringer und gestalterischer Außenrepräsentant begehrt. Sämtliche DDR-Außenhandelsrepräsentanzen hat er gestaltet: "Ob in Moskau oder Peking, in Kairo oder New Delhi, in Brüssel oder Paris: alle hat Franz Ehrlich gestaltet. Aber in der DDR scheiterte Ehrlich mit seinen Entwürfen."

Montag, 25. April 2016

M i MAMONTAG: Let's talk about Gentrification {im Gespräch mit GROSSE KÖPFE}

Der Gewerbehof Rigaer Straße 71-73A im Frühsommer 2013. Hier soll bis 2017 ein Neubauquartier entstehen. Viele der "Altnutzer/innen" müssen dafür weichen. 
Wer hier kauft, kauft Ärger stand in krakeligen Lettern auf dem Bauschild, dort, wo einst das Institut für Krimskrams auf sich aufmerksam machte. Ich wollte es am Freitag fotografieren. Aber es war nicht mehr da. Vielleicht hat man es lieber entfernt, um potenzielle Käufer/innen nicht zu irritieren. Grund zur Irritation gäbe es, denn im Samariterkiez brodelt es. Seit 2009 ist der verhältnismäßig kleine Kiez um rund 2.000 Neubewohner/innen angewachsen – allein in unserem Haus leben rund 350 Leute im Alter von 0 bis 70 Jahren, und es ist nur eines von geschätzt 20 Neubauprojekten (wobei viele meiner neuen Nachbar/innen schon vorher hier gewohnt haben). Das bringt Spannungen mit sich, nicht zuletzt da mit diesen "Neuen" viel "Altes" verschwindet: Leute, Läden und Lücken, günstiger Wohn- und öffentlicher Freiraum, lieb gewonnene Gewohnheiten und schöne Selbstverständlichkeiten. 

Ich bin eine dieser "Neuen" und mir liegt viel daran, dass das "Sozialexperiment Samariterkiez" gelingt. Ein erster Schritt dazu ist m.E. das Zuhören. Wie erleben die "Altbewohner/innen" den Zuzug und die damit verbundenen Veränderungen? Was macht es mit ihnen und ihrem "Heimatgefühl"? Was erwarten oder wünschen sie sich von den "Neuen"? Das und anderes habe ich die GROSSEN KÖPFE gefragt. Sie leben mehr als 10 Jahre im Kiez, und da wo sie einmal ins Weite blickten, sehen sie heute ihr Spiegelbild in der gläsernen Neubaufassade.


Oben: 2013 sehen die GROSSEN KÖPFE noch ins Grüne. | Unten: Seit 2015 spiegeln sie sich in der gläsernen Neubaufassade.

Geht das Experiment gut? Wo seht ihr die größten Herausforderungen und was können wir daraus für die Integration allgemein lernen?
ALU: Das der Kiez voller wird, dafür brauche ich keine Statistiken. Ich sehe und spüre es täglich bei meinen Spaziergängen. Wo ich früher „schnell“ mal was einholen war, bilden sich heute Schlangen. Für einen Kaffee muss ich mich inzwischen anstellen. Die Läden und die Händler beginnen sich diesen neuen Massen anzupassen. Ein neuer Pizzaladen hier, ein weiterer Bäcker da. Ich empfinde das persönlich gar nicht als Experiment, sondern eher als gemeinsames Projekt mit verschiedenen Entwicklungsstufen. Für mich persönlich sind die größten Herausforderungen der neue Lärm. Alles ist lauter geworden. Unsere Straße (früher nur einseitig bebaut) funktioniert wie ein Lärmtrichter, wirklich laut.

Konsti: Ich denke, allein in unserem Kiez sind es gut 2.000 neue Menschen. Ich bin zwiegespalten. Es sind subjektive Dinge, wie: Es ist lauter geworden, voller und es gibt kaum noch verwunschene Ecken. Ich frage mich auch, wo die typischen Berliner alten Menschen (i.S.v. Senioren) sind, neben denen ich noch groß wurde und was das für Menschen sind, die sich diese Preise leisten können*. In vielen Bereichen meines Lebens treffe ich auf Menschen, die keine Ahnung von Berlin haben, aber nun da sind. Das ent-heimatet mich.
*In unserem Haus wohnen viele ziemlich nette und "normale" Leute. Viele Familien mit kleinen Kindern, aber auch kinderlose Paare und einige Singles. Erstaunlich viele Kreative sind darunter: Fotograf/innen, Blogger/innen, Designer/innen, Schaupieler/innen, Kommunikationsberater/innen etc., einige Professor/innen, Jurist/innen, Ministerial- und wissenschaftliche Mitarbeiter/innen. Fast alle leben schon lange in Berlin, viele in Friedrichshain, einige auch hier im Kiez und nicht wenige sind sogar "echte" (Ost-)Berliner/innen. 

Samstag, 23. April 2016

KW 15 #grüsseausabsurdistan

Fahrrad, Bus oder eigenes Auto? Dieses 1991 in Münster arrangierte Bild macht anschaulich, wieviel Platz 72 Menschen in verschiedenen Verkehrsmitteln benötigen. Quelle: Focus

Mein Name ist Yitar. Ich stamme vom Planeten Aletu und bin Teil des Forscherteams am Institute for Cosmic Move, das sich der Entwicklung neuer Transportmedien widmet. Im Rahmen einer interstellaren Exkursion hat es mich auf die Erde verschlagen. Seit drei Tagen (irdische Zeitrechnung) befinde ich mich nun hier – und was soll ich sagen? Ich bin erschüttert.

Auf Aletu gelten die Erdbewohner/innen als intelligente Wesen, doch was ich beobachte, lässt mich daran zweifeln. Beispiel Deutschland: ein Staatsgebilde mit rund 82 Millionen Einwohner/innen, wirtschaftlich und technisch hochentwickelt mit durchaus passablen Bildungs- und Wissensniveau. Man könnte also meinen, es handle sich um eine fortschrittlich aufgeklärte Gesellschaft. Doch sie verhält sich eher wie eine primitive Glaubensgemeinschaft. Ihre Religion heißt MIV: motorisierter Individualverkehr, und ihr Heiligtum Automobil.

Das Automobil ist eine Art fahrendes Blechgehäuse, das rund 18 mal so schwer und gut 28 mal so groß wie ein durchschnittlicher Fahrzeuginsasse ist (Tendenz steigend, siehe: SUV). Bis zu 28 Menschen könnte so ein Auto also prinzipiell fassen, in der Regel sitzt aber nur einer drin. Um sein Eigengewicht (das des Insassen fällt kaum ins Gewicht) zu bewegen, verbraucht dieser Koloss entsprechend viel Energie: etwa 7,2 Liter Brennstoff auf 100 Kilometer. Damit könnte er praktisch Geschwindigkeiten bis zu 320/Stunde erreichen. Faktisch aber steht er vor allem rum. Seine Primärfunktion, das Fahren, erfüllt das Auto durchschnittlich höchstens zwei Stunden pro Tag – die restlichen 22 Stunden befindet es sich entweder in einer sog. Garage oder es verstopft den öffentlichen Raum (Straßenrand). Und selbst wenn es bewegt wird, kommt es kaum vom Fleck: 38 Stunden verbringen die Deutschen jährlich im Stau.

Bisher habe ich nicht herausfinden können, warum sich der MIV derart hartnäckig als Leitreligion hält und das Auto trotz seiner Ineffizienzen und der großen Umwelt- und Gesundheitsrisiken verehrt wird. Aber meine Exkursion ist ja auch noch nicht abgeschlossen...

Was mein Alias derweil trieb? Unter anderem dies: 

Mittwoch, 20. April 2016

Design made in GDR: Hubert Petras



"Diese Vasen haben mit Kunst nichts mehr zu tun, denn jede sinnlich-ästhetische Wirkung wurde eliminiert", schrieb der Journalist Karl-Heinz Hagen am 4. Oktober 1962 im Neuen Deutschland und verlieh dem Unverständnis der DDR-Obrigkeit, in Persona Walter Ulbricht, damit den Schein der Objektivität. Gegenstand der Kritik waren die Zylindervasen von Hubert Petras [*1929; †2010] auf der V. Deutschen Kunstausstellung in Dresden. Ihre Formensprache, in der "die ruhige Senkrechte die dominierende Sprache war und die Abwandlung untereinander ein rhythmisches Spiel"*, blieb dem Vorsitzenden des Staatsrats Ulbricht gänzlich verschlossen. "Kalt, glatt, nichtssagend" fand er Petras geometrische Komposition. Dabei waren die schlicht-weißen Porzellanentwürfe eine konsequente Antwort auf zentrale Gestaltungsfragen in der DDR. 

Der 1929 im slowakischen Kniesen geborenen Petras verfolgte – inspiriert von Wilhelm Wagenfeld und dessen Verständnis der "guten Form" – einen Ansatz, der mit dem Ulmer Modell vergleichbar ist: An der Hochschule für Gestaltung Ulm entstand in den späten 1950er "ein auf Technik und Wissenschaft abgestütztes Modell des Design, der Designer nicht mehr als übergeordneter Künstler, sondern gleichwertiger Partner im Entscheidungsprozess der industriellen Produktion.“ (Otl Aicher).

In seinen Vasen verbanden sich Materialkenntnis, technisches Know-kow und gestalterisches Können. Insofern waren sie prädestiniert für die Sonderschau in Dresden, die den Stand des Industriedesigns der DDR repräsentieren sollte. Doch die dem "politischen Kitsch" (Milan Kundera) zugeneigte DDR-Obrigkeit sah das anders: "Überschaut man die Exponate, so herrscht der Hang zum kalten Ästhetizismus, zu farbloser Eintönigkeit und Verarmung der künstlerischen Formen bis zum nackten Funktionalismus vor." (Karl-Heinz Hagen) So wurde die Ausstellung für den gelernten Töpfer und studierten Gefäßgestalter zum Eklat: Petras, der seit 1958 als künstlerischer Leiter an der Porzellanmanufaktur Rudolstadt-Volkstedt tätig war, wurde als "Formalist" diffamiert und erhielt noch im selben Jahr Berufsverbot.


Freitag, 15. April 2016

KW 14 #DieLeerstelleImFamilienwörterbuch

Unser Mitbewohner. So nannte Mi. meinen damaligen Freund und heutigen Mann, nicht etwa in Ermangelung echter Zuneigung. Nein, es fehlte schlicht ein passendes Wort. Denn: Wie nennt man den neuen Partner der Mutter, mit dem man zusammenlebt, der einem Abends Geschichten vorliest, Nachmittags bei den Hausaufgaben und morgens aus dem Bett hilft, der aber kein Stief- oder Ersatzvater ist, weil es da nichts zu ersetzen gibt? Weil der Papa da ist, zwar nicht in der selben Wohnung, aber in greifbarer Nähe – zuverlässig und liebevoll. Welches Wort beschreibt die Beziehung, die der "Neue von Mama" da zum "Kind vom Ex" hat? 

Der Mitbewohner greift ein wenig kurz. Das wusste auch der kleine Mi. Nur hatte niemand ein besseres Wort. Ich hab bis heute keines – da steht wohl noch etwas Begriffsarbeit aus. Oder hat eine/r von euch ein treffendes Wort?

Worüber ich noch so nachGEdacht, was ich GEmacht und GEdacht habe? Unter anderem dies: 
Habt's gut!